Katharina Hartwell liest an der HOLA
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Katharina Hartwell liest an der HOLAHartwell
von Dr. Thomas Liesemann

„Poetry makes nothing happen“, sagte einst W. H. Auden, einer, von dem man annehmen darf, dass er wusste, wovon er redet.

Was sich auf den ersten Blick wie eine Absage an die Wirkmächtigkeit von Literatur lesen mag, ja vielleicht sogar der Nutzlosigkeit aller schönen Künste das Wort zu reden scheint, enthält eine zweite, durchaus interessante Bedeutung, liest man Audens scheinbares Verdikt so, wie er seine eigenen Texte gelesen haben wollte, nämlich mit feinem Gehör. Dann nämlich heißt es, „Poetry makes NOTHING happen.“ Literatur gibt dem scheinbaren Nichts einen Klang, rückt es in die Hörbarkeit und verschafft ihm somit eine Audienz und eine Bühne. Literatur ist dann nicht mehr nutzlos und ohne weitere Konsequenz, sondern sie ist genau jene Form der Äußerung, die dem Verschwiegenen, dem Übersehenen, dem Übergangenen Gehör verschafft. Literatur ist die Anwältin des Überhörten und ihre Aufgabe ist es, diesem im Gerichtssaal des Lebens zur Gültigkeit zu verhelfen.

Dieses Kompliment, eine Anwältin des wesentlich Ungesagten und deshalb fälschlicherweise für unwesentlich Erklärten zu sein, gebührt einer jungen Schriftstellerin, die vor kurzen Gast an der Hohen Landesschule war. Aber Katharina Hartwell genießt mehr als nur Gaststatus an der HOLA, ist dies doch die Schule, auf der sie neun Jahre lang Schülerin war. Schon damals hat sie Geschichten geschrieben. Nach dem Abitur studiert sie dann in Frankfurt Literatur- und Kulturwissenschaften und dort entdeckt sie, dass die akademische Beschäftigung mit Literatur keinen Widerspruch zur eigenen literarischen Produktivität herstellt. Mit Leichtigkeit liest sie theoretische Texte und erfährt Anregungen, die sie in ihrem Erzählwerk fruchtbar werden lässt.

Dies ist nur ein Aspekt, der zeigt, wie Übergänge zwischen den Welten für Katharina Hartwell bruchlos, ja fließend, erscheinen, war dies doch eine Erfahrung, die sie ihren Zuhörern im Forum der Hohen Landesschule vermitteln konnte. Ihre Geschichten treffen einen sensiblen Nerv unserer Zeit. Hier agieren Personen, deren eigene Welten sich erst als Folge ihrer Beziehungen, die sie zu anderen Menschen oder zu den Dingen ihrer Umwelt pflegen, erbauen. Wirklichkeit ist nicht einfach vorhanden, sondern sie gründet auf einem Selbstverstehen, das selten das Verstehen des jeweils anderen ist. Gemeinsamkeiten werden vorgestellt und sie geraten zur Bedingung des Verstehens, aber sie erschöpfen sich im Ungesagten oder im Gedachten, das auf je unterschiedliche Weise verstanden wird – denn alles Verstehen ist individuell, so allgemein die Sprache allem Anschein nach ist. Braucht man Geister noch zu beschwören, da man bemerkt, wie diese in der Unstimmigkeit unserer alltäglichen Erfahrung manifest werden?

Hartwell

Die Schülerinnen und Schüler der Deutschkurse der Stufen E2 und Q2 verstanden schnell, dass hier jemand zu ihnen sprach, der mit dem Wesentlichen beschäftigt war. Eben weil dies bisweilen so schwer zu fassen ist, greifen wir gern auf die Hilfe derer zurück, die der Flüchtigkeit unseres Verstehens Sprache geben können. In Abwandlung von W.H. Auden möchte man sagen, „Katharina Hartwell’s stories DO MAKE it happen.“